Forum Handel 4.0: „Man kann nur wachrütteln.”

 

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Der Handelsverband Deutschland (HDE) hat unter dem Titel „Forum HANDEL 4.0″ am 20. April 2015 eine neue Veranstaltungsreihe eröffnet. 2.0, 3.0, 4.0 – das Rad der digitalen Zukunftschancen für den Einzelhandel dreht sich unentwegt weiter. Der geladene Experte Prof. Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein, eine Koryphäe auf dem Gebiet und mittlerweile geübt darin, die Nase des Einzelhandels in den großen Möglichkeiten-Topf der Digitalisierung zu stecken, belegte auch an diesem Abend eindrucksvoll, dass der Deutsche Handel in Sachen Digitalisierung noch einigen Aufholbedarf hat.

Die größte Herausforderung für den Handel …

… sei die Digitalisierung, so Heinemann. Die Herausforderung bestehe dabei vor allem in der Geschwindigkeit und Komplexität der Veränderungsprozesse. Doch das darf keine Ausrede sein, allein wenn man bedenkt, wie sehr der Onlinehandel auch den Strukturwandel befördert. Man denke z. B. nur an die neue Vertriebswege – eine Palette an Chancen und Möglichkeiten in dem weitestgehend gesättigten Marktumfeld.

Auch wenn sehr langsam, wächst der Onlineanteil beim deutschen Einzelhandelsumsatz. 2013 sind bereits 29,25 Milliarden der insgesamt 163,1 Milliarden für langlebige Gebrauchsgüter online ausgegeben worden. Dabei verteidigen einige Gruppen bereits Marktanteile im zweistelligen Bereich, was Auswirkungen auf Angebotsformen, Standort- und Branchenstrukturen hat. Dieses Ausmaß zeigt auf, welche Dynamik hinter den Möglichkeiten des Einzelhandels steckt. Handel im Wandel ist aktueller denn je.

Zalando: Der Fels in der Brandung der US-Player

Die größten Onlineanbieter in Deutschland sind US-Player und nennen sich Amazon, eBay und Apple / iTunes. Ein Drittel des gesamten deutschen Onlinehandels wird mittlerweile von ihnen mit steigender Tendenz dominiert. Heinemann ruft daher zur „Mobilisierung gegen die Feuerwalze Amazon” auf und warnt vor der Resignation gegenüber den US-Playern.
Zalando präsentiert er in diesem Kontext als Paradebeispiel, mit einem Wachstum von 29 Prozent. Der Fels in der Brandung also, ohne den wir dem US-Markt kampflos ausgesetzt wären, so Heinemann.

„Man kann nur wachrütteln”, warnt er weiter. Bewährte Mittel, um Amazon und Co. die Stirn zu bieten, sind laut Experten regionale Marktplätze wie die onlineCITY Wuppertal oder Pop-Up-Stores (temporäre Verkaufsflächen). Daneben gibt es Verbundgruppen, deren Aufgabe es wäre, dem lokalen Einzelhandel mit helfender Hand zur Seite zu stehen.

Mobile Shopping

Der Mobile-Commerce hat ca. 18 Prozent Anteil am deutschen Onlinehandel. Am häufigsten wird das Smartphone für Produktrecherche genutzt (63 Prozent), 56 Prozent können sich vorstellen, das Produkt auch gleich über das Smartphone zu kaufen und 52 Prozent nutzen Location-based Services (z. B. digitale Prospekte). Google (80 Prozent), eBay / Amazon (72 Prozent), Preisvergleichsseiten (56 Prozent) werden als Kanäle am häufigsten über das Smartphone angesteuert. Heinemann betont zusätzlich den Kanal der mobilen Webseiten, die zu 47 Prozent überraschend häufig aufgerufen werden.

Das sollte wachrütteln, denn laut einer vom Handelsexperten zitierten Studie von Locafox, haben 84 Prozent der 25 bedeutendsten deutschen Einzelhändler einen Onlineshop und bei mehr als einem Drittel ist dieser nicht für Mobilgeräte optimiert.

Gesucht wird mit dem Smartphone vor allem nach Preisen (92 Prozent), Verfügbarkeit (80 Prozent), Produkteigenschaften (86 Prozent) und Produktbewertungen (69 Prozent).
Auch wenn der Preis weiterhin entscheidend ist, wird dieser jedoch zunehmend über den Lokalbezug relativiert: „In Deutschland hört die Digitalisierung oft an der Händlertür auf”, so Heinemann.

Elektronische WaWi → Multichannel-Strategie → Multichannel-Lösung

Händler, die online aktiv sind und sich Multichannel-Lösungen zu eigen machen, können die Online-Umsatzverlagerung zu ihrem Vorteil nutzen. Basis dessen ist jedoch eine gute Multichannel-Strategie, die der Großteil der deutschen Einzelhändler noch nicht auf dem Tableau habe. 80 Prozent der Handelsumsätze sind heute schon Multichannel-Umsätze. Und hier sei laut Heinemann wiederum ein elektronisches Warenwirtschaftssystem, das die verschiedenen Verkaufkanäle miteinander verbindet, grundlegende Voraussetzung.

Glasfaser, Öffnungszeiten und Baunutzungsverordnungen

In Südkorea hat der Online-Umsatz erstmals den Offline-Umsatz überholt, bringt Heinemann an. Das liegt u. a. an der dort gut ausgebauten Netzinfrastruktur und WLAN-Abdeckung. Deutschland tummelt sich vor diesem Kontext auf den letzten Rängen und hat akuten Nachholbedarf. Denn Digitalisierung bedeutet vor allem auch WLAN-Empfang sowie die erlaubte Nutzung dessen. Sprich, nicht nur der Händler selbst muss sich an die Nase fassen (lassen), sondern auch die Politik – und das bis in die kommunale Ebene hinein. Es braucht mehr Flexibilität in den Öffnungszeiten und über die ein oder andere Baunutzungsverordnung lässt sich nur der Kopf schütteln.

Die Zukunft? Multi und Mix!

Um den Online-Handel nicht komplett ins Ausland abzugeben, muss der deutsche Handel sich digital bewegen. Digitale Warenwirtschaft, Multichannel, E-Commerce – die Schlagwörter sind gemeinhin bekannt und müssen flächendeckend die Schwelle deutscher Ladentüren übertreten. Der Mix ist dabei laut Heinemann entscheidend und bestimmt die Zukunft des Einzelhandels. Und das kann so aussehen: Laden mit Bedienung, Pop-Up-Store, Showroom, Multichannel-Points und Store-Automatisierung. Und so schließt sich der Kreis: Digitalisierung als größte Herausforderung und größte Chance des Handels.

Info:

„Forum Handel 4.0”, wurde moderiert von Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin von Initiative D21.

Prof. Dr. rer. pol. Gerrit Heinemann ist Schwerpunktleiter Trade and Retail, Leiter eWeb Research Center, Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Managementlehre und Handel an der Hochschule Niederrhein.

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